Offener Brief der Görlitzer SPD-Vorsitzenden Gerhild Kreutziger an Mirko Schultze

Veröffentlicht am 16.06.2015 in Kommunales

Sehr geehrter Herr Schultze,
Sie dürften genau wie ich den 17. Juni 1953 in Görlitz nicht miterlebt haben, weil wir beide zu dieser Zeit noch nicht geboren waren. Meine Mutter sagte dazu immer „Quark im Schaufenster“ seien wir Ungeborenen zu diesem Zeitpunkt gewesen und ich möchte das auch auf Ihre Erinnerungen ausweiten, die in der SZ vom 10.06.15 zu lesen waren.
Sie mögen Ihre ganz persönliche Sicht auf den 17. Juni haben, der alles andere als ein Freudentag für Ihre Partei sein dürfte. Bis heute fehlt mir eine kritische Aufarbeitung der Görlitzer Linken zu diesem Ereignis, das ja nicht unwesentlich durch Ihre Ursprungspartei, die SED, verursacht war.
Sie könnten nun sagen, in dieser seien auch ehemalige Sozialdemokraten seit April 1946 eingebunden gewesen. Ja, das mag sein. Aber es waren in Görlitz gerade namhafte Sozialdemokraten, die diesen Weg nicht mitgegangen sind. Und es gab am 17. Juni 1953 den Versuch einer Wiedergründung der SPD in Görlitz, der letztendlich genauso scheiterte wie der gesamte Volksaufstand.
Sie als führender Görlitzer Politiker der LINKEN führen in dem Artikel in der SZ an, was aus Ihrer Sicht zum Volksaufstand in der DDR geführt hat. Da finden sich viele bekannte Fakten, die sich aber so anhören, als wenn die Normerhöhungen zwangsläufig erforderlich waren. Nun - wir beide waren nicht dabei- vielleicht mögen Normerhöhungen für die damals Regierenden der SED eine Lösung geboten haben. Und es erinnert mich an die aktuellen gebetsmühlenartigen Forderungen aus der EU gegenüber Griechenland, seine Schulden zu Lasten der kleinen Leute einzutreiben und zu bezahlen.
Mag sein, dass die Regierenden der SED damals keinen anderen Weg gesehen haben, mag sein, dass auch heute Politikern die Phantasie fehlt, neue Wege zu gehen.
Aber so, wie Sie es beschreiben (oder es zumindest in dem Artikel so zu lesen ist), bedient das inklusive all dessen, was dann am 17. Juni 1953 folgte, die von Margaret Thatcher geprägte abgedroschene Phrase  der„Alternativlosigkeit“.

Alles, was Sie anführen, klingt wie eine nachträgliche Rechtfertigung der auslösenden Momente für den Volksaufstand. Wo aber finde ich Worte, dass Sie sich bei den Menschen entschuldigen, die in Folge der Niederschlagung des Volksaufstandes in Görlitz zu Schaden gekommen sind? Was ist Ihre Haltung gegenüber denjenigen, die damals beschlossen haben, sich nach dem 17. Juni dem Staat und der SED zu beugen und sich anzupassen?
Vor zwei Jahren wurde in einer öffentlichen Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit vielen Zeitzeugen aus Görlitz Folgendes zum Ausdruck gebracht: Nach der Niederschlagung des „17. Juni“ (besser der daran beteiligten Personen) wurde die Sehnsucht nach Demokratie von vielen Menschen tief im Innersten verborgen, um sich und den eigenen Kindern das Überleben zu sichern. Menschen haben sich angepasst, ihre Hoffnungen auf einen Friedensvertrag aufgegeben, die Jugendweihe akzeptiert und sich von der Kirche abgewandt, um in innerer Emigration im politischen System der DDR zu überleben.
Wenn heute Politiker fragen, wieso die Menschen kein wahres Interesse an Demokratie haben (siehe die niedrige Wahlbeteiligung in Görlitz zur Landratswahl am 7.6.15) , hat das nicht auch seine Ursache darin, dass nach den Jahren des Dritten Reiches und seiner Schreckensherrschaft nur wenige Jahre später das Wort „Demokratie“ durch Ihre Vorgängerpartei bereits wieder zu einer Farce verkommen war? Es mag aufrichtige Kommunisten und Sozialdemokraten gegeben haben, die nach dem Kriegsende 1946 verabredet haben, gemeinsam etwas Besseres aufzubauen – der 17. Juni 1953 ist ein Beweis dafür, dass nur wenige Jahre später diese Absicht mit Füßen getreten wurde.
Und es waren nicht in erster Linie die erhöhten Normen, die zum Aufstand in Görlitz geführt haben. Tausende Flüchtlinge lebten acht Jahre  nach dem Kriegsende in Görlitz und hatten die Hoffnung nicht aufgegeben, nach einem noch abzuschließenden Friedensvertrag mit den Alliierten wieder  in ihre Heimat zurückkehren zu können. Sie hatten Sehnsucht nach den Dörfern, in denen sie geboren waren. Sie hofften darauf, in ihre Häuser auf der nunmehr polnischen Seite jenseits der Neiße zurückkehren zu können. Das am 6. Juli1950 geschlossene „Görlitzer Abkommen“ wurde von vielen Menschen zu diesem Zeitpunkt nicht akzeptiert. Sie hofften in ihrem Innersten noch immer auf ein Friedensabkommen mit den vier Siegermächten.
Die Gewalt, mit der der Volksaufstand in Görlitz am 17. Juni 1953 beendet wurde, machte klar, dass daran nicht mehr zu denken war. Ich hoffe, Sie diskutieren in Ihrer Veranstaltung dazu, wie in Görlitz die Opfer gewürdigt werden können.

16.06.2015 Gerhild Kreutziger, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Görlitz

Kommentare

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Gedanken zum 17. Juni

Der 17. Juni- noch heute höre ich die einheitsbeschwörenden Reden von Helmut Schmidt, später Helmut Kohl im Rias oder Deutschlandfunk. Es war der Tag der deutschen Einheit. Feiertag ! Heute versuchen Menschen und Parteien diesen Tag für ihre Zwecke politisch zu vereinnahmen, welche moralisch nicht das Recht dazu haben. Egal ob sie Ministerpräsident, Minister, Bürgermeister oder Abgeordnete sind. Und egal ob sie ihren Namen geändert haben oder nicht. Nur wer Demokratie und Freiheit schon immer im Herzen trug und nicht- aus was für Gründen auch immer- diese Werte aktiv verraten hat, der besitzt auch das Recht an diesem Tag der Opfer öffentlich zu gedenken. Alle anderen sollten in Achtung vor den Opfern des Volksaufstandes schweigen !

Autor: Mike Neugebauer, Datum: 17.06.2015, 08:40 Uhr


Gedanken zum 17. Juni

Der 17. Juni.......

Autor: Mike Neugebauer, Datum: 17.06.2015, 08:36 Uhr


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